Zwei Kyusu-Kannen im Querschnitt mit derselben Uhr, links dünn und rechts dicht aufgegossen — Ziehzeit grüner Tee
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Ziehzeit grüner Tee: so lange muss er ziehen

1. Einführung: die Ziehzeit grüner Tee in Kürze

Zwei Minuten. Diese Zahl steht in fast jedem Ratgeber zum Thema Ziehzeit. Für sich allein ist sie wertlos. Denn zwei Minuten mit 2 Gramm Blatt auf 250 Milliliter bei 90 Grad ergeben einen völlig anderen Tee als zwei Minuten mit 6 Gramm auf 180 Milliliter bei 70 Grad. Ziehzeit ohne Blattmenge und Wassertemperatur ist wie eine Backzeit ohne Angabe der Ofentemperatur.

Auf einen Blick:

  • Bei 95 Grad heißem Wasser erreichen die Epi-Catechine im Aufguss nach 10 Minuten ihr Maximum und fallen danach stark ab; Aminosäuren wie L-Theanin nehmen mit höherer Temperatur und längerer Ziehdauer ab (Jin et al. 2019).
  • Die Ziehzeit ist der wichtigste Einzelfaktor dafür, wie viel L-Theanin überhaupt in der Tasse landet (Keenan et al. 2011).
  • Für grünen Tee wurde die höchste antioxidative Aktivität bei langem kaltem Ziehen gemessen, für schwarzen Tee dagegen beim kurzen heißen Aufguss (Hajiaghaalipour et al. 2016).
  • Die offizielle japanische Empfehlung für hochwertigen Sencha lautet 6 Gramm auf 180 Milliliter, 70 Grad, 120 Sekunden; für gewöhnlichen Sencha 10 Gramm auf 450 Milliliter, 90 Grad, 60 Sekunden (World Green Tea Association).

Die Ziehzeit von grünem Tee ist die Zeit, die die Teeblätter im Wasser bleiben, bevor du sie abgießt. Bei japanischem Blatt-Tee liegt sie meist zwischen 30 Sekunden und 2,5 Minuten. Sie steuert, welche Inhaltsstoffe in die Tasse gehen: Aminosäuren lösen sich früh, Gerbstoffe und Catechine folgen später und bringen die Bitterkeit mit.

Es gibt einen Grund, warum du nach der Ziehzeit für grünen Tee gesucht hast: Dein Tee schmeckt wahrscheinlich bitter, oder du spürst von der versprochenen Wirkung schlicht nichts. Beides lässt sich beheben, und zwar nicht allein über die Uhr: In diesem Beitrag bekommst du die belegten Ziehzeiten je nach Sorte, die passende Wassertemperatur dazu und die Reihenfolge, in der du beides einstellst. Wenn du danach tiefer einsteigen willst, findest du in der kompletten Anleitung zur Grüntee Zubereitung alle weiteren Stellschrauben.

2. Warum die Ziehzeit über Geschmack und Wirkung entscheidet

Die Ziehzeit ist kein Timer. Sie ist ein Filter. Jede Substanz im Teeblatt hat ihre eigene Lösegeschwindigkeit. Wie lange du ziehen lässt, bestimmt deshalb nicht nur, wie stark der grüne Tee wird, sondern welches Verhältnis von Aminosäuren, Koffein und Gerbstoffen du am Ende trinkst. Genau dieses Verhältnis entscheidet, ob der Tee süßlich-umami wirkt oder herb und kratzig.

2.1 Was sich in welcher Minute aus dem Teeblatt löst

Die Inhaltsstoffe verlassen das Teeblatt wie Gäste eine Party: Die Aminosäuren kommen zuerst, das Koffein folgt dicht dahinter, und die Gerbstoffe schieben sich später dazu und drehen die Musik lauter. Ein Forschungsteam hat diesen Verlauf systematisch vermessen und Grüntee-Aufgüsse bei 60 und bei 95 Grad über 5 bis 300 Minuten analysiert, also über Zeiträume, die weit jenseits jeder normalen Ziehdauer für grünen Tee liegen.

Das Ergebnis ist eindeutig: „Die Konzentrationen der vier Epicatechine erreichten nach 10 Minuten ihren Höchstwert und fielen danach drastisch ab“, schreiben die Autoren im Fachjournal Molecules (Jin et al. 2019). Gleichzeitig gingen die Aminosäuren zurück, je heißer und je länger aufgegossen wurde. Heißes Wasser und eine lange Ziehzeit tauschen also Umami gegen Herbe.

Du fragst dich jetzt vielleicht: Warum dann überhaupt kurz ziehen, wenn nach 10 Minuten mehr Catechine drin sind? Weil dieselbe Studie zeigt, was danach passiert. Die Epi-Formen zerfallen und bauen sich in Nicht-Epi-Formen um. Bei 60 Grad lief dieser Umbau langsam, bei 95 Grad schnell. Der Aufguss wird nicht besser. Er wird anders.

Statistik: Bei 95 Grad erreichen die Epi-Catechine im Grüntee-Aufguss nach 10 Minuten ihr Maximum und fallen danach drastisch ab
Bei 95 °C erreichen die Epi-Catechine nach 10 Minuten ihr Maximum und fallen danach drastisch ab; bei 60 °C bleiben sie über 60 Minuten stabil (Jin et al. 2019).

2.2 Warum grüner Tee zu lange gezogen bitter schmeckt

Grüner Tee wird schnell bitter, weil die Bitterstoffe verzögert kommen. Catechine wie Epigallocatechingallat, kurz EGCG, sind die Hauptträger von Bitterkeit und Adstringenz. Sie brauchen mehr Zeit und mehr Hitze als die süßlich schmeckenden Aminosäuren. Wer den Tee zu lang ziehen lässt, also drei bis vier Minuten, holt überproportional viel an Gerbstoffen und Tanninen nach, ohne im Gegenzug mehr Umami zu bekommen.

Und dann kippt der Geschmack.

Deshalb steht in unserer Wissensdatenbank eine harte Grenze: Tee nie über 80 Grad. Oberhalb davon lösen sich nicht nur mehr Gerbstoffe, die Catechine klappen zusätzlich in ihre Nicht-Epi-Form um und zerfallen anschließend schneller, was das antioxidative Profil des Aufgusses verschiebt. Die richtige Temperatur und die richtige Ziehzeit sind damit ein Paar, kein Gegensatz.

3. Was du für die richtige Ziehzeit brauchst

Für eine reproduzierbare Ziehzeit brauchst du drei Dinge: eine Kanne mit großem Sieb, eine Möglichkeit die Wassertemperatur zu treffen, und eine Küchenwaage oder einen verlässlichen Löffel. Dazu einen Timer, den du wirklich benutzt. Vier Sekunden Handgriff. Danach wird dein Tee von Zufall zu Handwerk.

  • Kanne mit großem Sieb: Eine japanische Kyusu oder ein Gaiwan lässt die Blätter aufgehen. In einem engen Tee-Ei bleibt das Blatt gepresst können sich nicht entfalten und schlechter ihre Inhaltsstoffe an das Teewasser abgegen, dann hilft auch die beste Ziehdauer nicht.
  • Temperaturkontrolle: Wasserkocher mit Gradanzeige, oder kochendes Wasser umschütten. Jedes Umgießen in eine kalte Schale kostet ungefähr 5 Grad. Weiches Wasser mit wenig Mineralstoffen lässt die Aromen klarer hervortreten.
  • Waage: 5 bis 7 Gramm losen Tee auf rund 160 Milliliter. Das ist die Dosierung, mit der die Ziehzeit überhaupt eine Wirkung hat.
  • Hochwertiger Tee: Was nicht im Blatt ist, holt keine Ziehzeit heraus. Bei minderer Qualität steuerst du nur noch, wie bitter es wird.

Der letzte Punkt ist der unbequemste. Ein hochwertiger Tee bei 60 Grad ist wie ein Fahrrad mit Gangschaltung: Du kannst 30 Sekunden zu lange ziehen und landest nur einen Gang höher, nicht im Graben. Ein billiger Bruchtee verzeiht dir diese 30 Sekunden nicht.

4. Schritt für Schritt: grünen Tee richtig ziehen lassen

Die Reihenfolge ist entscheidend. Erst Menge, dann Temperatur, dann Zeit. Wassertemperatur und Ziehzeit gehören dabei immer zusammen. Wer mit der Uhr anfängt, justiert am schwächsten Hebel. Für einen hochwertigen Sencha sieht der Ablauf so aus. Bei Gyokuro änderst du nur zwei Zahlen.

  1. Blatt abwiegen: 6 Gramm losen Tee für rund 180 Milliliter. Bei Gyokuro 10 Gramm auf 60 bis 100 Milliliter, weil du hier bewusst konzentriert arbeitest.
  2. Wasser auf Temperatur bringen: 70 Grad für hochwertigen Sencha, 50 bis 60 Grad für Gyokuro. Nie über 80 Grad, auch nicht bei kräftigeren Teesorten.
  3. Aufgießen und Timer starten: Wasser schonend über die Blätter geben, nicht draufschütten. Beim ersten Aufguss sind es 120 Sekunden, bei Gyokuro 150 Sekunden.
  4. Vollständig abgießen: Die Kanne bis zum letzten Tropfen leeren. Restwasser zieht weiter und macht den zweiten Aufguss bitter.
  5. Zweiten Aufguss anpassen: Ziehzeit ungefähr halbieren, Temperatur leicht erhöhen. Ihn genauso lange oder länger ziehen lassen wäre der häufigste Folgefehler. 30 bis 45 Sekunden reichen, weil die Blätter schon offen sind.

Pass auf: Diese Werte sind nicht meine Erfindung. Sie folgen der offiziellen Tabelle der World Green Tea Association, dem japanischen Fachverband. Und die enthält eine Pointe, die in deutschen Ratgebern fast nie auftaucht.

Skala: Wassertemperatur und passende Ziehzeit für grünen Tee, von 50 Grad mit 150 Sekunden bis über 80 Grad nicht empfohlen
Passende Paare aus Wassertemperatur und Ziehzeit für den ersten Aufguss (World Green Tea Association); die 80-Grad-Grenze ist unsere eigene Vorgabe, bei höheren Temperaturen werden die Catechine und andere Inhaltsstoffe negativ beeinflusst (Wang und Helliwell 2000).

Ein Tee, der dir 30 Sekunden verzeiht

  • Gyokuro Haruto+ aus beschatteter erster Ernte von Teemeister Shuichiro Sakamoto, aminosäurereich statt gerbstofflastig
  • Entfaltet sein Profil bei 50 Grad in rund 150 Sekunden
  • Zwei bis drei Aufgüsse aus derselben Blattmenge
  • Bio-zertifiziert, in Göttingen geprüft und abgepackt

5. Ziehzeiten je nach Sorte: Sencha und Gyokuro im Vergleich

Es gibt allerdings einen Twist: Je hochwertiger der japanische Tee, desto länger die empfohlene Ziehzeit, bei gleichzeitig niedrigerer Temperatur. Genau umgekehrt zu der Faustregel „hochwertig gleich kurz“, die durch viele Blogs läuft. Hochwertiger Sencha zieht 120 Sekunden bei 70 Grad, gewöhnlicher Sencha nur 60 Sekunden, dafür bei 90 Grad.

TeesorteBlatt / WasserTemperaturZiehzeit
Gyokuro, hochwertig10 g / 60 ml50 °C150 Sekunden
Gyokuro, normal10 g / 60 ml60 °C120 Sekunden
Sencha, hochwertig6 g / 180 ml70 °C120 Sekunden
Sencha, normal10 g / 450 ml90 °C60 Sekunden
Bancha, Hojicha15 g / 650 ml100 °C30 Sekunden


Mehr Blatt, weniger Wasser, kühler und dafür länger: So sieht Spitzenqualität in Zahlen aus.

Zwei Einordnungen dazu. Erstens empfehlen wir Bancha nicht, weil er aus reifen Blättern der späten Ernte stammt: viele Gerbstoffe, kaum L-Theanin und über das höhere Blattalter deutlich mehr Aluminium als bei früher Ernte. Zweitens bleiben wir auch bei kräftigen Sorten bei maximal 80 Grad. Die japanische Tabelle lässt 100 Grad zu. Wir gehen dort nicht mit, da bei höheren Temperaturen die wertvollen Catechine Schaden nehmen. Was Sencha im Blatt mitbringt und warum er trotz voller Sonne so vielschichtig ist, steht ausführlich in unserem Beitrag zum Charakter von Sencha und seinen Kultivaren.

Je nach Teesorte ändert sich auch, wie oft du nachlegen kannst. Hochwertige Tees werden lose überbrüht und mehrmals aufgegossen. In China und Japan arbeiten Teeliebhaber deshalb mit mehreren Aufgüssen statt mit einer langen Ziehzeit. Wer Grüntee mehrmals aufgießt, verteilt die Inhaltsstoffe über verschiedene Tassen, statt sie in einem herben Zug herauszupressen.

Matcha fällt aus dieser Logik heraus. Er wird nicht aufgegossen, sondern als Pulver aufgeschlagen. Eine Ziehzeit im engeren Sinn gibt es dort nicht.

6. Häufige Fehler bei der Ziehzeit und wie du sie vermeidest

Die meisten Ziehzeit-Probleme sind keine Zeitprobleme. Sie entstehen davor. Diese fünf Fehler sehen wir am häufigsten. Teetrinker schreiben uns dann, ihr Grüntee schmecke bitter.

  • Kochendes Wasser: 100 Grad auf feines Blatt löst sofort Bitterstoff und Tannine. Ab 80 Grad epimerisieren die Catechine zusätzlich.
  • Zu wenig Blatt, zu lange Ziehzeit: Der Klassiker. Wer 1 Gramm auf 300 Milliliter gießt und dann fünf Minuten ziehen lässt, feilscht um die Nachkommastelle und trinkt am Ende Gerbstoffwasser.
  • Nicht vollständig abgegossen: Blätter, die in Restwasser stehen, ziehen weiter. Der zweite Aufguss ist dann schon verloren.
  • Beutel im Becher vergessen: Aus zwei Minuten werden acht. Bei losem Tee im Sieb passiert das seltener, weil du ohnehin abgießt.
  • Sortenwerte vermischt: Schwarztee darf drei bis fünf Minuten ziehen. Wer diese Zeiten für schwarzen Tee auf grünen Tee überträgt, bekommt zwangsläufig einen bitteren Aufguss.

Was ist, wenn du den grünen Tee doch zu lange ziehen lässt? Gesundheitlich passiert nichts Dramatisches, er schmeckt dann nur herb und adstringierend und wirkt weniger angenehm anregend als ein sauber abgegossener Aufguss. Trinkbar bleibt er. Die verbreitete Faustregel „drei Minuten anregend, fünf Minuten beruhigend“ solltest du trotzdem streichen: Der Koffeingehalt sinkt durch längeres Ziehen nicht, die Gerbstoffe verzögern nur seine Aufnahme. Wie viel Koffein tatsächlich im Blatt steckt und wie stark die Zubereitung diesen Wert verschiebt, haben wir separat aufgeschlüsselt, inklusive der Frage, ob grüner Tee überhaupt Koffein enthält.

7. Was in keiner Ziehzeit-Tabelle steht

Lass uns kurz auf das Wesentliche zoomen: Die Ziehzeit ist die Feinjustierung, nicht der Hauptschalter. Vor ihr kommen Qualität und Dosis. Ein britisches Forschungsteam hat gemessen, wie viel L-Theanin in einer standardisiert zubereiteten Tasse landet. Das Fazit der Arbeit: „Die Ziehzeit erwies sich als wesentlicher Bestimmungsfaktor für die Menge des extrahierten L-Theanins“ (Keenan et al. 2011).

Eine Empfehlung hält sich in deutschen Gesundheitsportalen besonders hartnäckig: 82 Grad und 6 Minuten, manche Quellen nennen 5 bis 10 Minuten als Rahmen, weil der Aufguss dann besonders gesund sei. Dahinter steht ein Analytik-Optimum für Polyphenole, kein Rezept für Genuss. Sekundäre Pflanzenstoffe maximal auszureizen ist nicht dasselbe wie die richtige Zubereitung. Dazu kommt der praktische Punkt. Die positive Wirkung eines Tees, den du nach zwei Schlucken wegstellst, ist null.

Interessant ist die zweite Zahl derselben Arbeit: Die standardisierte Tasse grüner Tee enthielt mit 7,9 Milligramm am wenigsten L-Theanin, die Tasse schwarzer Tee mit 24,2 Milligramm am meisten. Das sagt nichts über das Potenzial des grünen Blattes. Es sagt alles über die europäische Zubereitung, mit der gemessen wurde: wenig Blatt, viel Wasser, kurz gezogen.

Vergleich: In einer standardisiert zubereiteten Tasse enthielt grüner Tee 7,9 Milligramm L-Theanin, schwarzer Tee 24,2 Milligramm
L-Theanin in der standardisiert zubereiteten Tasse à 200 ml, europäisch aufgegossen (Keenan et al. 2011). Die niedrigen L-Theaninwerte zeigen, dass in dieser Studie grüner Tee niedriger Qualität verwendet wurde. Japanische Gyokuro können bei traditioneller japanischer Zubereitung bis zu 260 mg L-Theanin je 200ml enthalten oder auch deutlich mehr. Je nach Zubereitung und Teequalität. Die Aussage der Studie, schwarzer Tee enthalte ggf. mehr L-Theanin ist nur für grüne Tees niedriger Qualität zutreffend. Die Oxidation vermindert den L-Theaningehalt bei schwarzem Tee.

Genau hier liegt der Unterschied zur traditionellen japanischen Zubereitung mit 5 bis 7 Gramm Blatt auf rund 160 Milliliter, denn erst in dieser Dichte hat die Ziehzeit überhaupt etwas zu steuern.

Aus der Praxis: Aus über 250 verkosteten japanischen Grüntees und der Selektion aus 62 Kultivaren zeigt sich bei uns immer dasselbe Muster. Aminosäurereiche Kultivare wie Saemidori, das bis zu dreimal so viel L-Theanin trägt wie das in Deutschland übliche Yabukita, verzeihen dir eine halbe Minute zu viel Ziehzeit ohne merkbaren Schaden. Bei gerbstofflastigem Blatt aus späterer Ernte kippt dieselbe halbe Minute alles. Trinkbar oder nicht. Deshalb prüfen und packen wir jede Charge persönlich in Göttingen ab.

Schema: Reihenfolge beim Grüntee, erst Qualität, dann Dosis, dann Temperatur, dann Ziehzeit als Feinjustierung
Die Reihenfolge aus der Performience-Praxis: erst Qualität, dann Dosis, dann Temperatur, zuletzt die Ziehzeit.

Bleibt noch eine Option. Sie steht in fast keiner Tabelle: die Zeitachse nach unten verlassen. Wer den Tee kalt ansetzt, arbeitet mit Stunden statt Minuten. Für grünen Tee wurde die höchste antioxidative Aktivität ausgerechnet beim langen kalten Ziehen gemessen, während schwarzer Tee beim kurzen heißen Aufguss vorn lag (Hajiaghaalipour et al. 2016). Kalt gezogen kommen viele Aminosäuren mit, aber deutlich weniger Koffein.

8. Fazit

Wie steht es um deinen nächsten Aufguss? Wenn du nur eine Zahl mitnimmst, dann diese: 120 Sekunden bei 70 Grad mit 6 Gramm Blatt auf 180 Milliliter. Das ist der offiziell belegte Startpunkt für hochwertigen Sencha. Von dort justierst du in beide Richtungen. Wir empfehlen dir aufgrund unserer Erfahrungswerte, eher bei Sencha bei 60 Grad zu starten und dich an die optimale Temperatur heranzutasten. So startest du milder und ausgewogener.

Wichtiger ist die Reihenfolge: erst Qualität, dann Dosis, dann Temperatur, dann Zeit. Wer diese Kette einhält, braucht keine Angst vor Sekunden zu haben. So bekommst du zuverlässig einen guten Geschmack. Tee trinken wird wieder entspannt statt zur Rechenaufgabe.

Das Ziel ist ein konkretes Bild. Du gießt 60 Grad heißem Wasser über 6 Gramm Sencha, wartest zwei Minuten und gießt vollständig ab. Die Farbe des Aufgusses ist ein sattes Jadegrün, der erste Schluck schmeckt weich und breit statt spitz, und die Herbe kommt erst am Ende als leichter Rahmen. Dann gießt du dieselben Teeblätter ein zweites Mal auf, 40 Sekunden, und bekommst eine hellere, klarere Variante desselben Tees. Genau dieser Moment ist der Beweis, dass du die Ziehzeit im Griff hast, und nicht sie dich.

9. Anhang: Checkliste für die richtige Ziehzeit

  • Hochwertigen, inhaltsstoffreichen losen Tee gewählt, keinen Bruch und keine Teebeutelware
  • 5 bis 7 Gramm Blatt auf rund 160 bis 180 Milliliter
  • Wassertemperatur getroffen: 60-70 Grad Sencha, 50 Grad Gyokuro, nie über 80 Grad
  • Timer gestellt: 120 Sekunden erster Aufguss, 150 Sekunden bei Gyokuro
  • Kanne vollständig abgegossen, kein Restwasser
  • Zweiter Aufguss mit halbierter Ziehdauer und leicht höherer Temperatur
  • Nach dem ersten Durchgang eine Variable verändert, nicht drei gleichzeitig

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Häufige Fragen zur Ziehzeit von grünem Tee

Hochwertiger Sencha zieht 120 Sekunden bei 60 bis 70 Grad, Gyokuro 150 Sekunden bei 50 bis max. 60 Grad. Gewöhnlicher Sencha braucht nur 60 Sekunden, dafür heißeres Wasser. Die Zeit gilt immer zusammen mit Blattmenge und Temperatur, nie allein.

Er schmeckt herber und adstringierender, weil mehr Gerbstoffe und Catechine in die Tasse gehen. Gefährlich ist das nicht, du verlierst aber den weichen Umami-Charakter. Trinkbar bleibt der Aufguss, angenehm eher nicht.

Drei Minuten sind ein Kompromisswert für die europäische Zubereitung mit wenig Blatt und viel Wasser. Für japanischen Blatt-Tee ist er zu lang: Dort liegen die belegten Zeiten zwischen 30 und 150 Sekunden, abgestimmt auf Dosierung und Temperatur.

Nicht pauschal. Bei 95 Grad erreichten die Epi-Catechine nach 10 Minuten ihr Maximum und fielen danach ab, während Aminosäuren mit Hitze und Zeit zurückgingen. Länger ziehen verschiebt also das Profil, es verbessert es nicht automatisch. Grundsätzlich gibt es Vorteile und Nachteile bei zu starkem Tee. Ein stärkerer Tee wirkt z.B. stärker auf den Magen-Darm Trakt. Das kann positiv für dich sein (Dosisabhängige- und Konzentrationsabhängige Wirkungen). Aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Wird der Tee zu stark, wird er unverträglich und kann den Magen-Darm auch durcheinanderbringen. Man bewegt sich also zwischen „Viel hilft viel“ und „zu viel“. Das solltest du für dich individuell balancieren.

Je niedriger die Temperatur, desto länger darf der Tee ziehen. 50 bis 60 Grad vertragen 150 Sekunden, 70 Grad etwa 120 Sekunden, 80 Grad höchstens 60 bis 90 Sekunden. Über 80 Grad gehen wir bewusst nicht, um die Catechine zu schonen.

Etwa halb so lang wie der erste, also 30 bis 45 Sekunden, mit leicht höherer Temperatur. Die Blätter sind schon geöffnet und geben schneller ab. Hochwertiger loser Tee liefert so zwei bis drei Aufgüsse aus derselben Blattmenge.

Die Regel „drei Minuten anregend, fünf Minuten beruhigend“ hält sich, ist aber verkürzt. Der Koffeingehalt sinkt durch längeres Ziehen nicht, die Gerbstoffe verzögern nur die Aufnahme. Ein länger gezogener Tee wirkt daher weniger anregend, nicht zwingend beruhigend. Obwohl die Catechine und Gerbstoffe durch den beruhigenden Effekt auf den Magen-Darm positiv die Darm-Hirn-Achse beeinflussen können. Bei sehr gerbestoffhaltigen grüner Tee Sorten wie Bancha, haben wir aber erlebt, dass diese Unruhe und Stimmung durch zu viele Gerbstoffe noch verschlechtern können. Beruhigende Wirkungen können sich beim grünen Tee aber ergeben, wenn du besonders L-Theanin reiche grüner Tee Sorten wie Gyokuro wählst, welche aus besonders Aminosäurenreichen Kultivaren wie z.B. Saemidori hergestellt wurden.

Ja, hier rechnest du in Stunden statt Minuten: rund 2 bis 8 Stunden im Kühlschrank. Kalt gezogen lösen sich viele Aminosäuren wie das L-Theanin, aber deutlich weniger Koffein. Für grünen Tee wurde beim langen kalten Ziehen in einigen Studien die höchste antioxidative Aktivität gemessen.

  • Über den Autor

    Simon Dieckmann ist Experte für grünen Tee und Gründer von Performience. Nach einer schweren Erkrankung durch Dysbiose studierte er über zehn Jahre lang tausende wissenschaftliche Studien zu grünem Tee, Darmgesundheit und natürlicher Leistungssteigerung. Mit seinem M.Sc. in Forstwissenschaften und Waldökologie (Universität Göttingen) verfügt er über ein tiefes Verständnis für die Einflussfaktoren auf Qualität und Inhaltsstoffe von grünem Tee. Seine fünfjährige Expertise u. a. in einem der besten Teegeschäfte Deutschlands macht ihn zum Spezialisten für Auswahl, Bewertung und traditionelle Zubereitung von hochwertigem grünem Tee aus Japan.
    Simon Dieckmann
    Grünteeexperte und CEO Performience

Disclaimer: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information rund um grünen Tee und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die genannten Zusammenhänge beruhen auf wissenschaftlichen Studien, stellen aber keine Heilversprechen dar. Bei gesundheitlichen Beschwerden, in Schwangerschaft und Stillzeit, bei Erkrankungen, Medikamenteneinnahme oder Koffein-Empfindlichkeit sprich bitte mit deinem Arzt oder deiner Ärztin.

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